Eine kritisch-solidarische Betrachtung des Demo-Aufrufs „Organize!“ für den 10.02.17 des AK Weimar

„Man übe Kritik, so gut man’s eben kann,
und halte im Übrigen den Rand“

Eine kritisch-solidarische Betrachtung des Demo-Aufrufs „Organize!“
für den 10.02.17 des AK Weimar

Ein Kostprobe aus dem genannten Aufruf:
[…] Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ist […] aber auch für ihre viel zu oberflächliche Kritik an Nazis [zu kritisieren], die kurzfristige, standortbezogene Lösungen sucht. In diesem Zusammenhang ist eine [!] starke, ausdifferenzierte [!] Gesellschaftskritik notwendig, die aufzeigt, dass Nazis in dieser Gesellschaft immer präsent sein werden, solange Ausbeutungs-, Entfremdungs- und Ausgrenzungsmechanismen bestehen. Nazis agieren genau dort, wo ihnen die Handlungsmöglichkeiten gegeben sind. Die Passivität des Bürgertums kann deshalb kaum eine Option im Handeln gegen Nazis sein. Ihre Vorstellungen von Gewaltfreiheit und friedlichen Protest verneinen meistens soziale Situationen. […]

Frage Nummer eins: Wer ist bloß auf die Idee gekommen, dreieinhalb Seiten lang fast ausschließlich Hauptsätze aneinanderzureihen und das dann Text zu nennen?

Frage Nummer zwei: Was soll „Verneinung sozialer Situationen“ heißen? Sollte die Verneinung nicht unsere Aufgabe als Sozialisten und Antifaschisten sein und nicht unsere Kritik an den „Bürgern“? Wir ahnen, was gemeint sein könnte: die genannten Vorstellungen blenden aus, dass Gewalt in dieser Gesellschaft nichts Fremdes und erst von außen an sie Herangetragenes ist, sondern eines ihrer zentralen Prinzipien. Das ach so gerechte Eigentum mit Kauf und Verkauf, macht Gewalt nicht unnötig, sondern braucht sie zu seinem Schutz. Diebstahl, Betrug und so weiter sind nicht das Gegenteil einer gerechten Gesellschaft, sondern Resultat dessen, was sich hierzulande „gerecht“ schimpft. Wo man alles kaufen muss, um es benutzen zu können, muss man eben klauen, wenn man kein Geld hat. Wenn ein paar hundert Millionen Satte ein paar Milliarden Hungrigen gegenüberstehen, müsste man das Mittelmeer, Mauern zu Mexiko und Erdogan erfinden, wenn es sie nicht gäbe. Aber warum schreibt ihr das dann nicht einfach so?

Und bitte sagt jetzt nicht: „Es ist ein Aufruf, da ist nunmal kein Platz für Welterklärungen.“ Wir wollen nämlich keinen noch längeren Aufruf. Der hier war uns schon lang genug, es stand bloß einfach zu wenig drin.

Dieser linksradikale Aufruf ist aufgrund seines gestelzten Geredes zu kritisieren, aber auch für seine viel zu oberflächliche Kritik an den Bürgern.

Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass hier irgendwie positiv konnotierte Wörter aneinandergereiht worden sind, wenn es um die eigene, „gute“ und „radikale“ Sache geht und irgendwie negativ konnotierte, wenn es um die „Bürger“ geht. Wer ist mit dem Wort „Bürger“ eigentlich gemeint? Die Unternehmer und Fabrikbesitzer? Diejenigen, die davon leben, über fremder Leute Arbeit zu gebieten? Oder die Spießer, die keine Lust haben, Pfefferspray abzubekommen oder geknüppelt zu werden um dann doch nichts zu erreichen? Und so bleibt vom Aufruf – einmal abgesehen von den ganzen nichtssagenden Phrasen – nicht viel mehr übrig, als dass Antifas, die sich als linksradikal und scheinbar diffus kommunistisch begreifen, Nicht-Kommunisten vorwerfen, keine Kommunisten zu sein. Früher war scheinbar doch manches besser. Da haben die Antifa-Punks noch ehrlich und voller Wut „Ihr seid nichts als linke Spießer!“ in die Welt hinausgebrüllt. Heute werden verquaste Aufrufe geschrieben.

Im Aufruf heißt es, „eine starke und ausdifferenzierte Gesellschaftskritik“ wäre „notwendig“. Das finden wir nicht. Wir wollen uns nicht irgendeine Gesellschaftskritik erarbeiten, sondern die eine, die die Gesellschaft als Ganze heute im Kopf, morgen tatsächlich über den Haufen wirft. „Notwendig“ ist sie nicht abstrakt und für jeden, sondern für uns, die wir etwas – oder besser gesagt alles – verändern wollen: „die Kritik ist die geistige Antizipation der Revolution“! „Stark“ kann diese Kritik allemal sein und das wird sie von ganz alleine, wenn sie wahr ist, aber doch bitte nicht „ausdifferenziert“. In dieser Gesellschaft kann man getrost alle Phänomene in einen Sack stopfen und mit den Waffen der Kritik zuschlagen, wie man lustig ist. Man wird nichts treffen, dass es nicht hundertfach verdient hätte, getroffen zu werden.
„Mittlerweile kritisieren wir die gleichen Erscheinungsformen seit drei Jahren“ heißt es weiter. Geholfen hat es scheinbar nichts. Es scheint eher wie bei der stillen Post zugegangen zu sein: die Kritik ist undeutlich geworden und kaum noch zu verstehen. Aus dem ganzen Uni-Kauderwelsch muss sie erst wieder freigelegt werden.

Wenn Ihr, um einen Anfang zu machen, […] mit uns gegen die gesellschaftliche Hierarchie, gegen Euer und unser Elend kämpfen wollt, dann:
Brüder [und Schwestern], auf zur Tat, wir lieben Euch!

hieß es in einem Flugblatt französischer Berufsschüler im Dezember ‘86.
Dem schließen wir uns einfach mal an.

Eure Falken Weimar

Und hier noch die PDF

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