Kein Om-Chanting am 17.03. in Buchenwald!

Am Samstag, den 17.03., trifft sich die Gruppe Bhakti Marga in der Gedenkstätte Buchenwald, um den Ort mithilfe von Om-Chanting von seinen negativen Energien zu befreien und diese in positive Energien zu verwandeln. Dabei sitzen die Meditierenden im Kreis und geben den „universellen Klang der Schöpfung“, also „OM“, von sich. Auf die gleiche Weise wurde auch schon das ehemalige KZ in Mauthausen und die Euthanasie-Anstalt in Hadamar „gereinigt“, der Zugang zum ehemaligen KZ Flossenbürg wurde ihnen jedoch verweigert.[1] Die Gedenkstätte Buchenwald stellt wiederum Räume zur Verfügung. Drüber sprechen möchten die Verantwortlichen aber eigentlich nicht, dass Thema soll bloß „keine weiteren Wellen schlagen“.[2]

Aber wenn Bhakti Marga in die Öffentlichkeit gehen will, tragen wir auch den Streit um ihre Sache in der Öffentlichkeit aus. Schließlich muss man jeden Quatsch nicht in Biedermeier-Manier unkommentiert lassen und still belächeln, sondern kann Leuten auch mal Paroli bieten.

Deshalb rufen wir für Samstag, den 17.03., um 10.15 Uhr zu einer Kundgebung unter dem Motto „Für Bildung und Antifaschismus – Gegen OMinöse Geschichtsheilung“ am Obelisken (Blutstraße Ecke Ettersburger Straße) auf. Wir wollen in dem Ort angemessener Weise Wellen schlagen und damit auch an andere Gedenkstätten das Signal senden, dass man die sich die Finger verbrennen kann, wenn man solchen Sekten seine Räume überlässt.

Denn die Ideologie von Bhakti Marga ist nicht einfach nur harmloser Quatsch, sondern tritt objektiv in Konkurrenz zu echter antifaschistischer Arbeit und schadet ihr so. Zudem sucht sich die Gruppe gezielt die Superlative historischer Verbrechen aus, um sie öffentlichkeitswirksam ungeschehen zu machen. Damit instrumentalisiert sie diese für die eigene Öffentlichkeitsarbeit.

Sinnvollerweise sollte aus der Shoah folgen, „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“[3] (Adorno). Dazu gehören Aufklärung, Bildung und Erinnerung, wie sie auch in Gedenkstätten wie Buchenwald stattfinden. Werden NS und Holocaust aber nur als „schlechte Schwingung“ aufgefasst, droht die Wiederholung solcher Verbrechen nicht in der Realität und mit echten neuen Opfern, sondern bloß noch im Astralkörper. „Was an diesen Orten geschah, geschieht immer noch in den ätherischen und astralen Bereichen“, sagt Gründer Paramahamsa Vishwananda.[4]

Alle fänden es verrückt, Höcke nach Buchenwald zu lassen, damit er dort mit seinen Fans besprechen kann, warum man Holocaust-Gedenkstätten nicht braucht: weil sie eine Schande für Deutschland sind – negative Energie eben, die weg muss. Aus der Idee von Om-Chanting folgt aber objektiv genau dasselbe: wenn die „heilige Kraft des Om“ ausreichen würde, um die nationalsozialistischen Verbrechen ungeschehen zu machen, also die „Tragödien der Vergangenheit zu überwinden und gemeinsam für eine bessere Zukunft zu wirken“[5], bräuchte man keine Gedenkstätten mehr. Gedenken zu ermöglichen wäre dann genauso wenig nötig wie das Schaffen von Lern- und Begegnungsorten, die dazu beitragen, einen neuen Holocaust unmöglich zu machen. Schon aus Selbsterhaltungsgründen sollte die Gedenkstätte solche Esoteriker also nicht bei sich dulden.

Nichts kann die Narben der Vergangenheit heilen lassen oder geschichtliches Unrecht ungeschehen machen. Deswegen ist Om-Chanting auch nicht bloß eine harmlose Spinnerei, die niemandem schadet, sondern eine gefährliche Ideologie. Sie entbindet jeden, der an sie glaubt, von seiner antifaschistischen Bürgerpflicht und lässt diese sogar als die eigentlich unnütze Aktivität dastehen. So wird die Organisatorin Waltraud Hintze mit dem Ausspruch zitiert: „Ich leiste hier ernsthafte Arbeit“.[6] Und ein Teilnehmer des Chantings in Mauthausen erklärt, dass „dieser Ort [nun] auch mit einem positiven Aspekt verbunden werden“ kann.[7] Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, schlägt in die gleiche Kerbe und sagt über Bhakti Marga: „Wer sich glaubhaft gegen Rassismus einsetzt, ist unser Verbündeter“.[8] Es ist wie mit Homöopathie: wenn sie dazu führt, dass man keine richtigen Medikamente nimmt, wird’s gefährlich.

Gerade, dass Gedenkstätten wie Buchenwald die „negative Energie“ ihrer Orte aufrechterhalten, indem sie den NS dokumentieren und über ihn aufklären, ist das Richtige und Wichtige. Gerade das Erhalten und Vermitteln der Geschichte an Schüler und Besucher, was in einem anderen Sinne des Wortes ja tatsächlich „negative Energie“, nämlich Energie gegen einen neuen Faschismus, spendet, macht die Gedenkstätten so wertvoll.

Spätestens wenn Waltraud Hintz und Konsorten die Heilung Buchenwalds dazu nutzen, neue Interessierte zu finden und mehr zu werden, verliert das Ganze jede Harmlosigkeit. Die Gedenkstätte sollte dieser „Transformation des Verstandes“[9] keine Plattform bieten. Bhakti Marga ist global organisiert und hat nach eigenen Angaben 2000 Organisatoren in 60 Ländern auf 6 Kontinenten.[10] Sie sollten nicht noch größer werden.

Für den 24.02. riefen sie zudem öffentlichkeitswirksam zum „weltweit synchronisierten OM Chanting in ehemaligen Konzentrationslagern“ auf, „um die Vergangenheit zu heilen“. In Belgien, Deutschland, Japan, Kroatien, Österreich, der Slowakei und Tschechien sollte gegen die astralen Überbleibsel der Konzentrationslager angechantet werden.[11] Ähnliche Aufrufe gab es schon zu anderen historischen Verbrechen der Superlative.[12] Um für sich zu werben, sind die größten Verbrechen gerade groß genug.

Statt Om-Chanting fordern wir eine kritische und antifaschistische Auseinandersetzung mit der Geschichte wie es auch sonst in Buchenwald täglich geschieht. Die Toten sind tot und werden nicht wieder lebendig. Sie sind umsonst gestorben und ihr Leid lässt sich nicht mehr heilen. Wir heute können nur unser Bestes dafür geben, dass sich der Holocaust nicht wiederholt. Die Arbeit der zahlreichen Bildungs- und Gedenkstätten leistet dafür einen wichtigen Beitrag, der auch für die Zukunft nichts an Wichtigkeit verliert. Wir fordern die Gedenkstätte Buchenwald und die zukünftig von Bhakti Marga als zu heilende Orte ausgewählten Gedenkstätten auf, dem Beispiel von Flossenbürg zu folgen und keine Räume für öffentliche Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen.

[1] https://www.welt.de/politik/deutschland/article174140671/KZ-Gedenkstaette-Buchenwald-Bhatki-Marga-Bewegung-plant-Om-Chanting.html

[2] https://www.vice.com/de/article/pamw7y/dieser-kult-will-im-kz-buchenwald-meditieren

[3] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970, S. 356

[4] https://www.welt.de/politik/deutschland/article174140671/KZ-Gedenkstaette-Buchenwald-Bhatki-Marga-Bewegung-plant-Om-Chanting.html

[5] https://www.newslichter.de/2018/02/hilf-mit-die-vergangenheit-zu-heilen/

[6] https://www.vice.com/de/article/pamw7y/dieser-kult-will-im-kz-buchenwald-meditieren

[7] https://sadhana.bhaktimarga.org/de/om-chanting

[8] https://www.welt.de/politik/deutschland/article174140671/KZ-Gedenkstaette-Buchenwald-Bhatki-Marga-Bewegung-plant-Om-Chanting.html

[9] http://www.kgsberlin.de/aktuell/artikel/eintrag/art93511.html

[10] https://sadhana.bhaktimarga.org/de/om-chanting/basics

[11] https://www.newslichter.de/2018/02/hilf-mit-die-vergangenheit-zu-heilen/

[12] etwa gegen die amerikanische indigene Bevölkerung, https://www.welt.de/politik/deutschland/article174140671/KZ-Gedenkstaette-Buchenwald-Bhatki-Marga-Bewegung-plant-Om-Chanting.html

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